Ein Riese erwacht

Ein Riese erwacht

Der Weinbau ist in Spanien bereits viel länger bekannt, als etwa in Frankreich. Schon vor über 3000 Jahren gründeten die Phönizier, ein Handel treibendes Seefahrervolk aus dem Nahen Osten, eine Niederlassung in Südspanien, aus der sich dann die Stadt Cädiz entwickelte. Die Phönizier beherrschten die Kunst des Weinbaus und könnten rund um Cädiz die ersten Weinberge angelegt haben. Sie gründeten an vielen Orten des westlichen Mittelmeers Handelsstützpunkte und wagten sich wahrscheinlich auch auf den Atlantik hinaus. Weitere phönizische Stützpunkte an der andalusischen Küste folgten bald darauf. Vor etwa 2500 Jahren kamen noch einige griechische Kolonien bei Alicante und Mälaga hinzu. Zur Zeit des Niedergangs der phönizischen Handelsmacht sagte sich die bedeutendste Kolonie im Mittelmeer, Karthago, vom Mutterland los und trat in deren Fußstapfen.

Doch mit dem Aufstieg der Römischen Republik zur beherrschenden Seemacht waren Konflikte vorprogrammiert,

die sich vor allem auch in Spanien entluden, da dort beide Mächte Kolonien besaßen. Nach der Vernichtung Karthagos 146 vor Christus fiel nun ganz Spanien an Rom. Dies hatte für den spanischen Weinbau ähnlich weit reichende Konsequenzen, wie sie beinahe 200 Jahre später auch Gallien erfahren sollte. Mit römischem Knowhow wurde der Weinbau in der Provinz Hispania intensiviert und auf eine neue qualitative Stufe gestellt. Schon bald galt der Baeticer, der Wein aus Andalusien, und der Terraconenser, der Wein aus der Gegend um Tarragona, auch den besseren römischen Weinen als ebenbürtig und wurde in großen Mengen nach Rom exportiert.

Auch bei der Versorgung von Cäsars Legionen während der Besetzung Galliens 51 vor Christus spielte der Wein aus Hispanien eine wichtige Rolle, allerdings wohl nicht die genannten Spitzengewächse, sondern eher die einfachen, alkoholstarken Weine, die in großen Mengen in Hispanien erzeugt wurden.

Spanische Weinbaugeschichte

Nach dem Zusammenbruch des lmperium Romanum errichteten nach einigen Wirren die Westgoten in Spanien ein Königreich, das immerhin - im Gegensatz zu den anderen germanischen Reichsgründungen auf römischem Gebiet - rund 250 Jahre lang Bestand hatte, bevor es von den islamischen Mauren überrannt wurde. Die Quellenlage über diese Zeit ist dürftig, doch immerhin steht fest, dass der Weinbau die Herrschaft der Westgoten gut überstanden hat. Daraus lässt sich der Rückschluss ziehen, dass auch die Westgoten dem guten Weine nicht abgeneigt waren. Und auch die Herrschaft des islamischen Omaijaden-Kalifats von Cordoba tat dem Weinbau in Spanien keinen Abbruch.

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Einerseits waren die islamischen Herrscher ihren andersgläubigen Untertanen gegenüber

toleranter, als man es für die damalige Zeit zunächst annehmen würde, andererseits war der Kalif in Bagdad fern, und so mancher Omaijaden-Herrscher sprach wahrscheinlich selbst gern dem Weine zu. Nach der Rückeroberung Spaniens durch die katholischen Könige und der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Columbus erlebte der Weinbau zunächst einen Boom, denn bald wurden große Mengen Wein als Proviant für die vielen Schiffe benötigt, die nun für die Reise über den Ozean ausgerüstet wurden. Zudem stand eine stattliche Armee in Süd- und Mittelamerika sowie Mexiko, die - ähnlich wie einst die römischen Legionen - mit Wein versorgt werden musste.

In dieser Zeit begann auch die wechselvolle Verknüpfung des spanischen Weinbaus mit England. Die Engländer schätzten den spanischen Wein auf Grund seines höheren Alkoholgehaltes bei einem niedrigeren Preis mehr als den französischen, zumal sie im 15. Jahrhundert gerade mit Frankreich den Hundertjährigen Krieg führten. Speziell der starke Wein aus Andalusien war in England sehr gefragt. Doch die damalige Weltpolitik brachte auch England und Spanien bald in Konflikt miteinander, was den spanischen Weinbau sehr stark traf denn die Engländer wandten sich nun dem portugiesischen Wein zu- ein Vorgang übrigens, der sich in ähnlicher Form in den folgenden Jahrhunderten mehrfach wiederholte.

Erst im 19. Jahrhundert kehrte zwischen den beiden Ländern Ruhe ein, und aus dieser Zeit stammt die enge

Verflechtung zwischen den Weinen aus Jerez, die in aller Welt bezeichnenderweise unter dem englischen Namen Sherry bekannt sind, und den großen englischen Weinhandelshäusern. Bald wurde der Sherry ein modern und professionell hergestellter Wein, während der Weinbau im übrigen Spanien weiterhin im Schatten bäuerlicher Abgeschiedenheit lag. Das Auftreten des Echten Mehltaus und später der Reblaus kehrte diese Verhältnisse dann teilweise um. Während in Südspanien die Weinberge in Verwüstung dalagen - Mälaga hat sich von den verheerenden Auswirkungen dieser Katastrophen nie wieder richtig erholt - standen plötzlich französische Weinhändler aus dem Bordeaux-Gebiet in Nordspanien Schlange, um in den von der Reblaus zu diesem Zeitpunkt noch verschonten nordspanischen Anbaugebieten in großem Stil Ersatz für die Weine aus ihren ebenfalls zerstörten Weinbergen zu kaufen.

Vor allem Navarra und Rioja erhielten in dieser Zeit einen ungeheuren lnnovationsschub durch die fortschrittlichen Techniken, die mana us Bordeaux übernahm. Als dann die Reblaus auch die nordspanischen Anbaugebiete erreichte, war die Technik des Pfropfens europäischer Edelreiser auf amerikanische Unterlagen bereits bekannt, und man setzte dann bei der Neubestockung der Weinberge zum Teil auch auf die klassischen französischen Rebsorten. Eine Ausnahme bildet die Rioja, wo Cabernet, Chardonnay & Co. bis heute keine bedeutende Rolle spielen.

Seit dieser Zeit bis zum Eintritt Spaniens in die Europäischen Gemeinschaften 1986 waren Fortschritte im spanischen

Weinbau eher punktueller Natur und hingen dann an einzelnen Persönlichkeiten, insgesamt jedoch pflegte man die Traditionen und hatte mit den rasanten Entwicklungen, die vor allem die Weinbereitung vielerorts revolutionierten, wenig zu tun. Es gab kaum Export und damit auch kaum Investitionskapital, und außerdem schmeckte den Spaniern der spanische Wein so, wie er war. Als Spanien in die EG eintrat, wurden die meisten spanischen Weißweine noch mit den Schalen vergoren und längere Zeit in alten Fässern ausgebaut, bis sie eine mehr oder weniger starkoxidative Note angenommen hatten und die Frucht verblasst war.

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Rotweine wurden meist aus überreifem Traubengut bereitet und präsentierten sich allzu oft breit, plump und undifferenziert. Doch mit dem Zustrom ausländischen Kapitals in den 1990er-Jahren setzte eine Revolution ein: Fast überall wurde in modernste Kellertechnik investiert, auch die Arbeit im Weinberg swurde an neuesten Erkenntnisen ausgerichtet und der spanische Weinbau insgesamt auf einen Weg gebracht, der seine Spitzenerzeugnisse mitten in die überraschte Weltelite katapultiert hatte wo sie auf Grund des breiten Potenzials spanischer Weine sicherlich auch hingehören.

Weinqualität

Hätte man mich vor fünf Jahren gefragt, ob Italien oder Spanien eine bessere Weinqualität zu bieten hätte und welches Anbauland für Außenstehende interessanter wäre, hätte ich Italien klar an die erste Stelle gesetzt. Mittlerweile ist die Antwort nicht mehr ganz so eindeutig. Italien hat bei der Vielfalt nach wie vor die Nase vorn: Seine Rebsortenpalette ist nicht zu schlagen. Doch in den letzten zehn Jahren hat Spanien seinen Weg in die Zukunft unbeirrt fortgesetzt. Alte Ansichten wurden über Bord geworfen und neue Ideen - wenn auch manchmal nur mit Murren - akzeptiert. Doch das Ergebnis steht zweifelsfrei fest: Spanien bereitet mit jedem Jahr mehr Wein von besserer Qualität und glaubwürdiger regionaler Identität. Und verlässt sich dabei gar nicht einmal so sehr auf internationale Rebsorten.

Während der Franco-Ära wurde der spanische Weinbau in eine Art staatliche Zwangsjacke gesteckt, in der sich nur die

etabliertesten Anbaugebiete - allen voran Rioja und die Sherry-Region - ihre Individualität bewahren konnten. Nachdem die neue Verfassung den Regionen wieder ein gewisses Maß an Selbstverwaltung zugestanden hatte, konnten Katalonien, das Baskenland und Galicien aufs Neue ihre Eigenständigkeit pflegen - in der Flasche ebenso wie in der Wahlkabine. Auch weitere Regionen entwickeln wieder echtes Regionalbewusstsein und entdecken zunehmend ihr Vermächtnis, das unter der für die Diktatur typischen Gleichschaltung und dem Mangel an Investitionen vernachlässigt worden war.

Natürlich eignet sich das spanische Klima hervorragend für den Weinbau: Die Reben müssen ihre Wurzeln auf der Suche nach Nährstoffen und Wasser tief in den kargen Boden schicken; in heißen Sommern gelangen die Trauben gut zur Reife, und in vielen höher gelegenen Anbaugebieten geben kühle Nächte dem Wein Frische und Säure mit. In gewissem Sinne war es viel zu leicht, Wein zu erzeugen: Die Sonne erledigte die meiste Arbeit. Doch es war sehr schwer, guten Wein zu erzeugen, denn Tannin, Zuckergehalt und Alkoholstärke gerieten leicht außer Kontrolle. Unausgewogene Gewächse erschlafften nach der Abfüllung rasch, und so hatten die Exportmärkte wenig Grund, sich für spanischen Wein zu interessieren.

Doch das Potenzial war zweifelsohne enorm, was man allmählich erkennt. Spaniens Winzer bedienen sich gern moderner Bereitungsmethoden. In wohlhabenderen Anbaugebieten wie Katalonien, Rioja und Ribera del Duero sind atemberaubende Kellereien entstanden, die großartige Architektur mit neuester Technologie verbinden. Regionen wie Toro bergen viele alte Rebstöcke einheimischer Sorten, weshalb den gut ausgebildeten Kellermeistern erstaunlich hochwertiges Rohmaterial zur Verfügung steht. Spanien ist derzeit das vielleicht aufregendste Weinbauland in Europa - was aber nicht heißt, dass alle Erzeugnisse hochklassig sind.

In der letzten Ausgabe dieses Buchs waren 59 Denominaciónes de Origen (DO) aufgeführt.

Mittlerweile gibt es schon wesentlich mehr. Weitere, derzeit als Viños de la Tierra geführte Bereiche bemühen sich um eine Beförderung. Hinzu kommt die relativ neue Kategorie Viños de Pago, eine Art Über-DO für Einzellagenweine. Viele neue DOs scheinen obendrein eher aus politischen als önologischen Beweggründen entstanden zu sein; zudem verwirrt ihre starke Zunahme den Verbraucher mehr, als dass sie ihn informiert. Nichtsdestotrotz beweist das alles, dass es in der Weinwirtschaft gärt. Spanien ist hinter Frankreich das zweitgrößte Land in Europa und hat mit 1160000 Hektar sogar die größte Rebfläche. Das heißere Klima aber macht eine lockerere Bepflanzung und niedrigere Erträge unumgänglich, weshalb Frankreich und Italien nach wie vor wesentlich mehr Wein erzeugen. Die önologische Landkarte der Iberischen Halbinsel wird von den beiden großen Flüssen Ebro und Duero dominiert. Sie entspringen in der gebirgigen Cordillera Cantábrica, die den kühlen, feuchten Nordwesten vom kontinentaleren Binnenland trennt. Der Ebro fließt nach Südosten und bei Tarragona ins Mittelmeer, der Duero nach Südwesten und - als Douro - durch Portugal in den Atlantik.

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Südlich von Madrid beherrscht die Sonne das Land. Großflächige Rebenplantagen mit widerstandsfähigen Sorten sind hier die Norm. In den erfolgreichsten Anbaugebieten wird Wasser vom Unterboden begierig aufgesogen. Die wichtigsten Flüsse in der südlichen Mitte sind der Guadiana, der die große zentrale Ebene der Mancha bewässert und zum Teil sogar unterirdisch fließt, der Tajo oder Tagus, der vom Madrider Hochland nach Westen durch Toledo und die Extremadura nach Portugal strebt, der Júcar, der südlich und östlich der Berge von Guadalajara die Weinlandschaften der Levante durchströmt, und der Guadalquivír, der südwestlich der zentralen Meseta die Sherry-Region streift. Mit ihrem Nass werden fast die gesamten Rebflächen im Süden bewässert, wenngleich man junge Stöcke heute oft auch mit Tropfbewässerung heranzieht.

Das Klima ist vielfältig. In den meisten Regionen ist es kontinental mit kalten Wintern und sengend heißen Sommern.

Mäßigend wirken sich in manchen Anbaubereichen die große Höhenlage oder der Einfluss des Meeres aus. Dieser Facettenreichtum und die beachtliche Bandbreite einheimischer Reben erklären, warum ein einziges Land so viele unterschiedliche Weine hervorbringt. Das Spektrum reicht vom rassigen Albariño über den salzig angehauchten Manzanilla bis zu den mächtigen Roten aus Ribera del Duero und Priorato.

Um die Jahrtausendwende traten bislang mittelmäßige Regionen wie Cigales, Priorato, Bierzo und Toro mit einem Mal als potenziell hervorragende Weinquellen hervor. Etablierte Bereiche wie Rioja wiederum ruhen sich keineswegs auf ihren Lorbeeren aus. Sie reagierten auf Kritik und das zunehmende Desinteresse des internationalen Markts und tun etwas, um die Qualität zu heben. Jerez hat die Nerven behalten und bereitet weiterhin glorreiche gespritete Weine, vom rassigsten Manzanilla bis zum tiefgründigsten Oloroso.

Klima und Weinbau

Mit rund 1,4 Millionen Hektar Rebfläche ist Spanien das größte Weinbauland der Welt. Dennoch produzieren die spanischen Weinkellereien, die Bodegas, nur knapp 35 Millionen Hektoliter Wein jährlich. Damit liegt Spanien erst an dritter Stelle hinter ltalien und Frankreich. Die Hauptursache dafür liegt in den Klimaverhältnissen, die auf den weitgehend kargen spanischen Böden einfach keine höheren Erträge hergeben. So ist der Reifeverlauf des Traubenguts in den meisten spanischen Regionen gleichzeitig immer auch ein Kampf der Rebpflanze ums Überleben, zumal Bewässerung auf Grund der EU-Bestimmungen verboten ist.

Trotz der in weiten Teilen des Landes allgegenwärtigen Dürre, herrscht in Spanien dennoch eine große geographische

und klimatische Vielfalt. So erzeugen die spanischen Winzer denn auch eine breite Palette unterschiedlichster Weine. Ein schmaler Streifen im Norden des Landes unterliegt atlantischen Klimaeinflüssen mit teilweise hohen Niederschlagsmengen.

Im weitgehend grünen Nordwesten, am Oberlauf des Ebro, an den Ausläufern der Pyrenäen und im Hinterland der nördlichen Mittelmeerküste entstehen die feinsten spanischen Rot- und Weißweine. Weiter nach Süden erheben sich die kastilischen Randgebirge, die ihr Hinterland ziemlich zuverlässig vor jeglichen Niederschlägen abschirmen. Hier wird es immer heißer und trockener. Kastilien ist das Land der Extreme: Hier herrschen über das Jahr Temperaturunterschiede von über 60 Grad. Während es im Winter mit bis zu -25°Celsius bitterkalt wird, erreichen die Temperaturen im Sommer hier regelmäßig bis zu 40°Celsius. Und auch während der Vegetationsperiode sind die Schwankungen extrem und können zwischen Tag und Nacht bis zu 30 Temperaturgrade erreichen. Hier ist das Reich der weißen Airen-Traube, mit über 500.000 Hektar die meist angebaute Traube der Welt.

Im mediterranen Bereich Mittelspaniens ist das Klima durch den Einfluss des Mittelmeers ausgeglichener, hier

erreichen die Trauben derart hohe Reifegrade, dass die Weine Alkoholwerte von bis zu 16 Prozent erreichen. Mittlerweile haben viele Winzer hier hochwertigere Traubensorten angepflanzt und in die Kellertechnik investiert. Aus früher gelesenem Traubengut erzeugen sie sehr gute Rot-und Weißweine, die sich in ihrer mediterranen Art an die besten Weine der französischen Mittelmeerküste anlehnen. In Andalusien brennt die Sonne noch heißer als in Mittelspanien. Hier hat man sich auf die Produktion herausragender Likörweine und Weinbrände spezialisiert.

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Für die Erzeugung "normaler" Tischweine ist das Klima viel zu heiß. Die wenigen Weine, die dennoch hier entstehen, sind für den täglichen Bedarf in der Region gedacht und werden durchweg hier konsumiert. Die Aperitifs, Dessertweine und Brandys aus Andalusien hingegen sind weltberühmt.

Qualitätsstufen

Das spanische Weingesetz berücksichtigt zwei grundlegende Kriterien für die qualitative Einstufung eines Weines, seine geographische Herkunft und die Art seines Ausbaus. Fast alle spanischen Weinflaschen tragen ein kleines Rückenetikett, auf dem Herkunft und Qualitätsstufe garantiert werden. Jahrzehntelang bestand die spanische Qualitätspyramide aus drei Stufen.

Die Basis bildete der Vino de Mesa, der Tafelwein.

Unter diese Kategorie fallen alle Weine, die nicht irgendwie geographisch klassifiziert sind und auch sonst keinen besonderen Regelungen unterliegen, beispielsweise bezuglich der verwendeten Rebsorten oder der Höchsterträge. In der Regel handelt es sich um einfache, bäuerliche und äußerst preiswerte Produkte, die zum Großteil in Fässern gehandelt, offen ausgeschenkt und kaum exportiert werden - es sei denn, zum Zwecke der Aufbesserung farb- und alkoholschwacher Tafelweine in anderen Regionen Europas. Allerdings finden sich in dieser Kategorie seit einigen Jahren auch äußerst hochwertige und teure Weine, die unter höchsten Qualitätskriterien außerhalb klassifizierter Zonen oder von für die Erzeugung von Qualitätsweinen unzulässigen Rebsorten entstehen, wie beispielsweise die sortenreinen Spitzenweine des Marques de Grinon aus der Gegend von Toledo.

Allerdings handelt es sich dabei in Spanien um eine Ausnahmeerscheinung - im Gegensatz zu den Super-Toskanern in Italien in den 1980er-Jahren. Die nächsthöhere Qualitätsstufe ist der Vino dela Tierra, der Landwein. Wie in Frankreich kommt er aus einem größeren, geographisch allerdings genau umrissenen Gebiet. Einige Vinos de la Tierra aus der Extremadura sind von hervorragender Qualität, insgesamt besitzt diese Kategorie bei weitem nicht die Bedeutung des französischen Vin de Pays. lm Jahre 1926 wurde unter dem damaligen monarchistischen Diktator General Primo de Rivera das System der kontrollierten Herkunftsbezeichnung, der Denominaciön de Origen (DO) eingeführt - übrigens zehn Jahre vor der Einführung des französischen Systems der Appellation Controlee.

Die erste DO war Rioja, weitere folgten bald nach.

Zur Überwachung der jeweiligen DO-Bestimmungen wurde jeweils ein Consejo Regulador eingesetzt. Ebenfalls die Rioja war es, die 1991 als erstes Anbaugebiet in den Genuss der neuen Spitzenkategorie Denominacion de Origen Calificada (DOCa) kam, die die besondere Spitzenstellung eines Gebietes unterstreichen soll, vergleichbar mit der Denominazione di Origine Controllata e Garantita (DOCG) in Italien. Neben der geographischen Klassifikation ist jeder spanische Wein auch noch hinsichtlich der Bedingungen seines Ausbaus in klassischen Bordeaux-Barrioues klassifiziert, die hier als Barricas bezeichnet werden.

Die Stufen lauten Vino Cosechero, Vino de Crianza, Reserva und Gran Reserva. Die jeweilige Mindestverweildauer ist je nach Weinart und Anbaugebiet individuell geregelt. Darin spiegelt sich der Wunsch des spanischen Verbrauchers wieder, möglichst optimal ausgereifte Weine zu trinken. Und in der Tat ist Spanien immer noch ein Eldorado für alle Weinfreunde, die zwar nicht nach dem überlagerten oder gar firnen Wein streben, aber solche Weine bevorzugen, die bis zum Erreichen des Höhepunktes ihres Reifepotenzials in den dafür ideal geeigneten Kellern der Bodega gelagert wurden.

Freilich sind in jüngerer Zeit unter dem erhöhten Kapitaldruck, unter dem die Erzeugung hochwertiger Weine steht, auch in Spanien die Verweilzeiten der Weine in den Bodegas verkürzt worden, aber im Gegensatz zu Bordeaux beispielsweise wird in Rioja auch heute noch kaum ein Wein von seinem Erzeuger herausgegeben, bevor er auch wirklich trinkreif ist.