Faszinierend und Lebendig

Faszinierend und Lebendig

Nirgends geht es in Sachen Wein so faszinierend anarchisch und lebendig zu wie in Italien. Wo in Frankreich die wichtigen Kreszenzen auf die Exportmärkte geeicht wurden, haben italienische Gemeinden ihre Spezialitäten und deren Eigenheiten lange gehegt und gepflegt. Noch immer präsentiert sich das önologische Italien eher als loser Verbund und wartet mit ganz unterschiedlichen Weinen auf. Sie entstehen aus rund 1000 verschiedenen Rebsorten. Zieht man von diesen etwa 500 als lokale Kuriositäten ab, ist das immer noch eine stolze Bilanz.

Tatsache ist, dass heute einige der weltbesten Weine aus Italien kommen, und dennoch wollen viele das noch nicht so recht glauben. Während der 250 Jahre, in denen Frankreich die Qualität und Reputation seiner Gewächse vorantrieb und seine erstklassigen Reben vermehrte, blieb der Weinbau in Italien eine Privatangelegenheit. Wein war eine Selbstverständlichkeit, ein Grundnahrungsmittel wie Brot und wurde infolgedessen bis weit ins letzte Jahrhundert hinein nicht an nationalen, geschweige denn an internationalen Standards gemessen. Als solche Vergleiche schließlich doch stattfanden, blieb es nicht aus, dass das Land als Lieferant von einfachem Wein abgestempelt wurde, der für wenig Geld im Supermarkt angeboten oder als etwas ganz anderes ausgegeben wurde.

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Bis zum heutigen Tag werden unvorstellbare Mengen per Tankwagen in andere Teile der EU

geschafft. Dass sogar im Land selbst heimlich und illegal Partien aus verschiedenen Regionen zusammengepanscht werden, fördert nicht gerade das Image des italienischen Weins. Mit immer noch komplizierteren Etiketten haben sich die Italiener lange Zeit ebenfalls keinen Gefallen getan. Auch der geneigteste Nichtitaliener kapitulierte früher oder später vor der Litanei klangvoller Wortungetüme, in der nicht nur der Name des Weins und seines Erzeugers, sondern auch der des Guts - und häufig eine zusätzliche Fantasiebezeichnung für den Gütegrad - gleichberechtigt nebeneinander standen.

In den letzten Jahren haben sich Einstellung und Praxis radikal gewandelt. Fröhlich experimentieren Erzeuger mit unkonventionellen Ideen, Rebsorten und Kellertechniken und bringen die oft eigenwilligen Resultate gern mit Designer-Etiketten, teils auch in ungewöhnlichen Flaschen in den Handel. Ihren nicht minder extravaganten Preisen werden die Produkte jedoch leider nicht immer gerecht. Auf der anderen Seite haben diese "revolutionären Umtriebe", die die Regeln des DOC-Systems bewusst aushebeln, mitunter geradezu überragende Weine entstehen lassen, die zu Bannerträgern des neuen Italien avancierten.

Als gleichermaßen bedeutend erwiesen sich neue Entwicklungen auf offizieller Ebene. Mit dem 1992 verabschiedeten Weingesetz wurde ein hierarchisches System von Gütesiegeln eingeführt: Ganz oben stehen dabei die DOCG-Etiketten (Denominazione di Origine Controllata e Garantita), direkt gefolgt von den DOC-Weinen (Denominazione di Origine Controllata), von denen es über 325 gibt und auf die 20 Prozent der italienischen Produktion entfallen. Vor den vini da tavola, Tafelweinen, wurde die Kategorie IGT (Indicazione Geografica Tipica) eingeschoben. Sie gilt für Weine aus einem größeren Ursprungsgebiet und stellt weniger hohe Anforderungen an die Qualität als das DOC-Siegel. Diese Kategorie hat Weinen, die früher in der anonymen Flut der vini da tavola untergingen, zu einer klareren Identität verholfen. Sie ermöglicht darüber hinaus bessere Produktionskontrollen, da anders als für vini da tavola Ertragsobergrenzen vorgeschrieben sind. Dennoch bietet sie dem Verbraucher nur bedingt Orientierung, kann er doch an ein Erzeugnis mit wenig Charakter und Substanz ebenso geraten wie an ein Gewächs erster Güte.

Das DOC-System wurde 1963 in Anlehnung an das französische AC-System zur Reglementierung der italienischen

Qualitätsweinerzeugung eingeführt. Es spezifiziert gesetzlich verbindlich die Merkmale, Herkunft, Rebsorten und Ertragsmengen, den Alkoholgehalt, die Bereitungsmethoden und die Lagerungszeit eines bestimmten Weins oder einer Gruppe von Weinen, so wie sie vom Konsortium der jeweiligen Erzeuger gemeinsam mit einer Expertenkommission in Rom festgelegt wurden. In früheren Ausgaben dieses Buchs wurden die einzelnen DOC-Vorschriften detailliert wiedergegeben. Allerdings sieht es in der Praxis so aus, dass die meisten guten Erzeuger diejenigen Regeln befolgen, die ihrer Meinung nach zur Qualität oder zum typischen Charakter des Weins beitragen, und umgekehrt jene missachten, die ihnen dafür als ungeeignet erscheinen, etwa den traditionsgemäß extrem langen Fassausbau.

Bis vor einigen Jahren schrieb eine weitere (absurde) Regel vor, dass Chianti Classico einen gewissen Anteil an Weißweintrauben enthalten müsse. Davon konnten zwar Winzer mit großen Beständen an Trebbiano profitieren, aber sicherlich keine auf Sangiovese basierenden Weine. Folglich taten die qualitätsbewussten Erzeuger einfach so, als gäbe es diese Vorschrift nicht. In den nachfolgenden DOC-Listen sind deshalb nicht sämtliche Vorschriften en detail, sondern nur die wichtigsten Merkmale der jeweiligen DOC berücksichtigt. Nun ist nicht auszuschließen, dass bei der für 2009 von der EU geplanten Revision der Weinkategorien und Denominationen viele, wenn nicht gar sämtliche DOCs ausgemustert werden, und man darf gespannt sein, wie die Italiener darauf reagieren.

Das DOC-System ist insofern ein Paradox, als es eine Tradition zementiert, das heißt, einen bestimmten Typ Wein zu

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einem bestimmten Zeitpunkt so und nicht anders definiert - und dies in einer Zeit, in der Weinbau und Kellertechnik einen Stand erreicht haben, von dem man früher nicht einmal zu träumen wagte, in der Kalifornien (in dieser Hinsicht ein Extrembeispiel) vormacht, was es bedeuten kann, Freiheiten zu nutzen, die Jahr um Jahr zu noch aufregenderen Weinen führen. Dem Leser dieses Buchs sei daher geraten, keinen kategorischen Unterschied zwischen DOC- und anderen Weinen zu machen, sondern sich lediglich vor Augen zu halten, dass DOC-Weine "traditionell" bereitet und amtlichen Vorschriften unterworfen sind.

Als weiterer Schritt zur Regulierung mancher DOCs wurde die zusätzliche Kategorie DOCG eingerichtet.

Das "G" steht für garantita und könnte zu dem Schluss verleiten, diese Weine seien garantiert die besten Italiens. Jedenfalls sind sie Spitze, was die Kontrolle ihres Ursprungs betrifft. Barbaresco, Barolo, Brunello di Montalcino und Vino Nobile di Montepulciano erhielten als Erste das DOCG- Prädikat. Es folgte Albana di Romagna, bei dem man sich fragt, wie ernst das "G" zu nehmen ist. Einige Ernennungen jüngeren Datums sind wohl ebenso als Politikum wie als qualitatives Statement zu werten. Es ist schwer, den gegenwärtigen Zustand des italienischen Weinbaus in wenigen Worten zusammenzufassen. Investitionen in moderne Ausrüstungen und neue Ideen haben in jüngster Zeit wunderbare Ergebnisse gezeitigt, aber auch gute alte Freunde ihres Charakters beraubt. Bis jetzt hat die moderne Schule sowohl außerordentlich langweilige als auch höchst brillante Weine hervorgebracht.

Wer fürchtete, Italien würde in einer Flut internationaler Rebsorten ertrinken, wurde eines Besseren belehrt.

Italienische Erzeuger haben sich zwar an Cabernet Sauvignon, Merlot, Chardonnay und Syrah versucht, sind jedoch trotzdem ihren traditionellen Rebsorten treu geblieben. Es muss bei den Rebsorten, im Keller und in allen Phasen der Bereitung einen Mittelweg zwischen Tradition und Fortschritt geben, und Italien ist eifrig auf der Suche danach. Stärkt das aktuelle DOC/DOCG-System die Tradition, befördern die lockerer gefassten Regeln der IGT-Kategorie die Innovation. Für welchen Weg sich die Erzeuger entscheiden oder ob sie gar zweigleisig fahren wollen, bleibt ihnen freigestellt. Dass diese Konstellation fast nur positive Auswirkungen hat, dürfte niemand bestreiten.

In Regionen mit langer Weinbaugeschichte wie Piemont oder der Toskana war die Qualität im oberen Produktsegment nie höher, und in solchen, die einst der Inbegriff der Mittelmäßigkeit waren, wird das gegebene Potenzial - in Sizilien etwa die sonnendurchglühten Rebhänge - nun endlich genutzt. Friaul und Südtirol erregen mit ihren Weißweinen, früher nicht gerade eine Stärke Italiens, heute international höchste Aufmerksamkeit, und Aufsteiger wie Kampanien sind ihnen dicht auf den Fersen. Anlass zur Klage gibt lediglich die Neigung zum laxen Umgang mit den Vorschriften, ob sich nun ein Winzer "in guter Absicht" über die DOC-Regeln hinwegsetzt, weil sie seines Erachtens der Qualität seines Weins schaden, oder ob aus krimineller Profitgier übel gepanscht wird. Alles in allem steht jedoch fest, dass sich Italien zu einem dynamischen Weinland gemausert hat, das in Europa seinesgleichen sucht.