Weinbau Down Under

Weinbau Down Under

Schon die ersten Schiffe, die nach den vielen Strafgefangenen am Ende des 18. Jahrhunderts die ersten "richtigen" Siedler nach Australien brachten, hatten auch Weinreben am Bord. lm Jahre 1791 wurden von Stecklingen der Sorte Pinot Noir, die drei Jahre zuvor aus der Kolonie am Kap der Guten Hoffnung eingeführt worden waren, im Garten des Gouverneurs in Sydney die ersten Weintrauben geerntet. Wenige Jahre danach wurden auf dem fünften Kontinent dann die ersten Weine erzeugt. Damit ist der australische Weinbau älter als der nordamerikanische, aber jünger als die südamerikanische und südafrikanische Weinkultur.

In der Folgezeit wurden große Mengen an Vitis-Vinifera-Sorten von Europa nach Australien gebracht, und in der ersten

Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand vor allem in Victoria und Neusüdwales bereits eine leistungsfähige Weinwirtschaft. Sie wuchs ständig weiter, und in den 1870er-Jahren produzierte Australien fast 90.000 Hektoliter Wein. 1877 trat in Victoria erstmals die Reblaus auf, die zur gleichen Zeit die Weinberge der Alten Welt verwüstete.

Sie war in den Wurzelballen von europäischen Edelreben eingeschleppt worden, doch seltsamerweise entwickelte sie hier ein wesentlich geringeres Vernichtungspotenzial als überall sonst auf der Welt. Möglicherweise handelte es sich um einen weniger aggressiven Biotypen des Insekts, auf jeden Fall ist die Reblaus bis heute nicht in die anderen australischen Weinbauregionen vorgedrungen, und so stehen in Neusüdwales, Südaustralien, Tasmanien und Westaustralien die Reben bis heute auf ihren eigenen Wurzeln.

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In Victoria, wo die Reblaus bis heute aktiv ist, hat man die Edelreiser auf amerikanische Unterlagssorten gepfropft.

Die klimatischen Bedingungen in Australien sind allein schon auf Grund der Größe des Kontinents sehr unterschiedlich. Während der äußerste Norden noch tropischen Einflüssen unterliegt, ist das Inland weitgehend Wüste, der Südosten stark ozeanisch beeinflusst und der Süden und Südwesten mit mediterranem Klima vergleichbar. Der größte Teil des riesigen Landes ist viel zu heiß und zu trocken für den Anbau von Reben. Lediglich ein schmaler Streifen im äußersten Südosten und ein noch kleinerer im Südwesten Australiens eignen sich klimatisch für den Weinbau.

Kalte Meeresströmungen aus der Antarktis werden hier kurz vor ihrem Auftreffen auf die südaustralische Küste von einer warmen Strömung nach Osten abgedrängt. Dennoch lindern sie die Hitze Südaustraliens ein wenig und schicken eine beständige kühle Meeresbrise an die Küste. Aufgrund dieser klimatischen Verhältnisse gedeihen die Reben am besten im äußersten Südosten des Kontinents, im Süden der Bundesstaaten Südaustralien, Victoria, Neusüdwales sowie auf der Insel Tasmanien. Kleinere Rebflächen finden sich noch in Westaustralien südlich der Großstadt Perth.

Flying Winemaker

Australien ist ein besonders dynamischer Weinbaustaat der Neuen Welt. Vor 20 Jahren war es in Europa praktisch nur Insidern überhaupt bekannt, dass in Australien feine Weine produziert werden. Inzwischen weiß allerdings jeder Weinkäufer, dass auch der fünfte Kontinent Wein exportiert, und zwar ziemlich gute Weine, die international höchste Anerkennung finden und es somit relativ leicht haben, große kommerzielle Erfolge zu erzielen.

Die beinahe unbegrenzt großen Flächen. die dem Weinbau in den Anbaugebieten zur Verfügung stehen, verleihen den

australischen Erzeugern eine große Flexibilität in der Reaktion auf die Markterfordernisse. Bei steigender Nachfrage nach australischen Weinen können sie relativ leicht die Rebflächen so weit ausdehnen, wie es die Nachfrage erfordert. Es dauert dann zwar noch ein paar Jahre, bis die Neupflanzungen in Ertrag gehen können, aber die australischen Weinerzeuger haben ein sehr gutes Gespür für Trends, sodass sie mit ihren Neupflanzungen selten daneben liegen. Mittlerweile bewegt sich der australische Weinbau auf einem so hohen Niveau, dass die hervorragend ausgebildeten australischen Önologen in aller Welt gefragte Fachleute sind.

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Eine ganze Reihe von Star-Önologen reist heute freiberuflich um die Welt und ist immer dort zur Stelle, wo gerade die Zeit der Weinlese und Weinbereitung ansteht. Dabei kommt ihnen sehr entgegen, dass sie zu der Zeit, wenn in der nördlichen Hemisphäre gerade die "heiße Phase" anbricht, in ihrer Heimat eigentlich gerade nichts zu tun haben - und umgekehrt. So ist der Berufsstand der "Flying Winemaker" entstanden, die durchaus nicht nur Betriebe in unterentwickelten Regionen beraten, sondern auch Top-Erzeuger in renommierten, klassischen Anbaugebieten. Dadurch hat der australische Weinbau in den vergangenen beiden Jahrzehnten einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Welt des Weines genommen.

Der australische Weinstil, der die Fruchtigkeit der Weine über alle anderen Eigenschaften

stellt, was sich in einer äußerst schonenden Behandlung des Traubengutes äußert, gilt heute vielen Erzeugern überall in der Welt als Vorbild. Manche Betriebe in Australien gleichen eher High-Tech-Labors als klassischen Weinkellereien. Weißweine werden fast ausschließlich sehr kühl in Edelstahltanks vergoren, damit selbst der zarteste Sortencharakter erhalten bleibt. Die Weißweine der Spitzenklasse vergärt man in Barriques und lässt den Jungwein einige Zeit auf dem Hefesatz liegen, den man in regelmäßigen Abständen mit Stangen durch das Spundloch des Fasses hindurch aufrührt. Rotweine werden für europäische Verhältnisse nur recht kurz gemaischt und meist noch während des Gärprozesses von den Schalen abgepresst. Das gilt für einfache Weine ebenso wie für die Spitzengewächse. Für den Ausbau sind amerikanische und französische Eichenfässer im Gebrauch.

Die Grössenordnung

Mit rund 100.000 Hektar besaß Australien 1998 ungefähr eine genauso große Rebfläche wie Deutschland, erzeugte darauf allerdings ein Viertel weniger Wein. Doch ist Australien auf dem Wege, in der Größe der Rebfläche an Deutschland und - wenn der Boom anhält- in wenigen Jahren auch an Griechenland vorbeizuziehen. Die Rebfläche Australiens wächst Jahr für Jahr in für europäische Verhältnisse riesigen Dimensionen. So hat sie sich allein in den vergangenen acht Jahren verdoppelt. 1999 war das Jahr des größten Wachstums, als rund 16.000 Hektar neu mit Rebstöcken bepflanzt wurden - das entspricht ungefähr der Fläche des deutschen Anbaugebietes Baden.

Die Gesamtrebfläche liegt heute wahrscheinlich bereits höher als in Deutschland, aber man muss - auch hinsichtlich

der Ertragsmengen -bedenken, dass ungefähr ein Viertel der australischen Rebstöcke noch zu jung ist, um Trauben für die Weinbereitung zu erbringen. Der Menge nach rangiert Australien als Weinlieferant in Deutschland nur an einer untergeordneten Stelle, unter den 16 wichtigsten Lieferländern exportiert nur Argentinien noch weniger Wein nach Deutschland als Australien. Doch die Weine aus Australien sind stets hochwertig und wertvoll, gemeinsam mit den kalifornischen Gewächsen ezielen sie in Deutschland die höchsten Erlöse.

Für über 45 Millionen DM lieferten die australischen Exporteure 1999 rund 80.000 Hektoliter Wein nach Deutschland. Allerdings ist die Bundesrepublik bei weitem nicht der bedeutendste Exportmarkt für australischen Wein. Der überwiegende Teil des Exports gelangt nach Großbritannien, wohin 1999 etwa 1,3 Millionen Hektoliter australischer Weine geliefert wurden. Ein weiterer wichtiger Absatzmarkt für die Weine des fünften Kontinents sind die USA mit etwa 500.000 Hektoliter.

Die Rebsorten

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Den alten Chroniken zufolge soll der Pinot Noir als erste Rebsorte nach Australien gekommen sein. Er steht heute noch im Anbau, gedeiht aber nicht so gut in den heißen Regionen des Landes wo die Sonne seine Trauben in die Reife treibt sodass die Weine oft eckig wirken und so gar nicht an das erinnern, was dem Weinfreund bei der Nennung der illustren Sorte gemeinhin einfällt. Ganz im Süden, vozugsweise auf Tasmanien, bringt der Pinot Noir allerdings ausgezeichnete Ergebnisse hervor.

Innovative Traubenerzeuger suchen bei ihren Erkundungen zukünftiger Weinberge bis heute immer noch nach "dem" idealen Standort für Pinot Noir in Australien. Cabernet Sauvignon ist wie überall in der Neuen Welt auch in Australien weit verbreitet. Bereits 1860 wurde die Sorte im Yarra Valley in Victoria erstmals angebaut und hat sich bis heute auf sämtliche Weinbauregionen des Landes ausgebreitet. In Australien bringt der Cabernet Sauvignon kräftige konzentrierte Rotweine mit meist schon früh reifen Tanninen hervor.

Außer in Australien ist man nirgends in der Welt des Weins auf die Idee gekommen, den Cabernet Sauvignon mit

anderen Rebsorten zu verschneiden als mit Merlot, Cabernet Franc und was sonst so in Bordeaux üblich ist. Die Australier allerdings haben einen ganz anderen Weg beschritten und eine Spezialität geschaffen, die es nur hier gibt: den Verschnitt von Cabernet Sauvignon mit dem Shiraz. Bei letzterem handelt es sich um die über Südafrika ins Land gekommene südfranzösische Rebsorte Syrah, aus der an der Rhöne einige der größten französischen Rotweine hervorgehen und die mittlerweile auch in Kalifornien und Chile herausragende Ergebnisse erbringt.

Der Shiraz kam 1832 nach Australien. lm Weingut Chäteau Tahbilk in Victoria stehen heute noch Shiraz-Reben im Ertrag, die nachweislich im Jahre 1860 gepflanzt worden sind, also noch vor dem ersten Auftreten der Reblaus. Sie bringen noch kleine Mengen eines ungeheuer konzentrierten, tiefgründigen Weines hervor. Der Shiraz ist sehr vielseitig und erbringt eine breite Palette unterschiedlicher Rotweine, vom mittelschweren Wein bis zu körperreichen und schweren Gewächsen. lhre Farbe reicht in der Jugend von Rot bis Tiefrot und Lila. Spitzenqualitäten sind nicht selten so dunkelrot dass sie fast schwarz erscheinen.

Shiraz-Weine sind sehr aromatisch, ihr Duft wird oft mit dem von Kräutern, Gewürzen, Waldfrüchten und Lakritz, bei

reiferen Weinen mit Zigarren, Unterholz und Kaffee verglichen. Eine weitere wichtige Rotweinsorte ist der Grenache, der bis in die 1960er-Jahre hinein sogar die führende Sorte Australiens war und erst im Verlauf der letzten 30 Jahre von Cabernet Sauvignon und Shiraz auf hintere Plätze verdrängt wurde. Der Grenache dient der Herstellung von Roseweinen, Rotweinen und süßen Dessertweinen. Zur Zeit besinnen sich die Winzer Australiens wieder vermehrt auf diese Sorte, die vor allem in den Weinbergen des Mclaren Valley, des Barossa Valley und des Clare Valley im Anbau steht.

Zudem bauen die australischen Winzer in zunehmendem Maße Merlot und auch Cabernet Franc an, hauptsächlich mit dem Ziel, Verschnittweine nach dem Vorbild von Bordeaux zu produzieren, die der internationale Markt verlangt. Doch ist der weiche, samtige Shiraz ebenfalls bestens dazu geeignet die Strenge des Cabernet Sauvignon zu mildern - wenn er sie in Australien überhaupt hat, denn hier fällt er meist fruchtiger, reifer und opulenter aus als in Bordeaux, wie die vielen sortenrein ausgebauten Cabernet-Sauvignon-Weine beweisen. Obwohl der Rotwein in Australien überwiegt, stammen aus dem Land auch sehr gute weiße Weine, vor allem aus dem Chardonnay, dem Semillon oder dem Sauvignon Blanc, wobei die drei Sorten sowohl rein ausgebaut als auch in jeglicher Kombination miteinander verschnitten werden.

Auch der Riesling bringt gute Ergebnlsse, vor allem in kühleren Regionen.

Allerdings fallen die Weine stilistisch deutlich anders aus als die deutschen, elsässischen oder österreichischen Rieslingweine. Von den Neupflanzungen der vergangenen Jahre entfielen über 80 Prozent auf rote sorten, insgesamt ist mit 25.600 Hektar immer noch der Shiraz der Spitzenreiter vor dem Cabernet Sauvignon mit ca. 22.000 Hektar. Der Merlot bringt es inzwischen auf 6400 Hektar, von denen ein großer Teil noch nicht im Ertrag steht. Die beliebteste Weißweinsorte ist der Chardonnay mit 17.000 Hektar. Der empfindliche und kapriziöse Pinot Noir wird mittlerweile nur noch auf rund 3000 Hektar besonders ausgewählter Rebflächen angebaut.

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Etikettenangaben

Durch die großen Exporterfolge der australischen Weine in Europa war der Gesetzgeber gezwungen, ein Weingesetz zu erarbeiten, dessen Richtlinien in allgemeiner Übereinstimmung mit dem Weingesetz der Europäischen Union stehen, vor allem was die Etikettierungsvorschriften hinsichtlich der Angaben über Herkunft, Rebsorten und Jahrgang der Weine betrifft. Heute werden australische Weine amtlicherseits auf diese Kriterien hin und zudem allgemein auf ihre Qualität im Sinne der Verkehrsfähigkeit überprüft. Wenn heute auf dem Etikett eines australischen Weines eine einzige Rebsorte angegeben ist, muss der Inhalt zu mindestens 85 Prozent aus der ausgeschriebenen Sorte bestehen. Wenn in einem Verschnittwein die zweite verwendete Rebsorte weniger als 15 Prozent des Weines liefert, muss sie nicht auf dem Etikett angegeben sein.

Ansonsten sind stets alle Rebsorten anzugeben, aus denen der Verschnitt erzeugt wurde, und zwar in der Reihenfolge

ihrer Menge. Wenn ein Erzeuger zudem angibt aus welcher Region ein Wein stammt, so müssen mindestens 85 Prozent des Lesegutes aus der angegebenen Weinregion kommen. Die Europäische Union unterzeichnete mit der australischen Regierung in jüngster Zeit ein Abkommen darüber, dass Etikettenbegriffe wie Chablis, Burgundy, Champagne, Hermitage und Claret auch auf den für den Inlandsmarkt abgefüllten Flaschen nicht mehr verwendet werden dürfen, um die Marktchancen der europäischen Originale nicht zu schmälern.