Der Geruchssinn

Der Geruchssinn

Die Nase des Menschen ist heutzutage ein geradezu verkanntes, zumindest aber vernachlässigtes Sinnesorgan, denn ihre beeindruckenden Leistungen spielen im modernen Alltag eine eher untergeordnete Rolle. Im Vergleich zu den kompliziert gebauten Sinnesorganen Auge und Ohr ist der Geruchssinn sehr einfach in seiner Funktionsweise und doch besonders interessant, denn er beeinflußt den Menschen in hohem Maße über das Unterbewußtsein. Von allen Empfindungen wirkt keine so unmittelbar auf Stimmung und Gefühlsregungen wie die Geruchswahrnehmung. In diesen Tiefenschichten menschlicher Wahrnehmung entwickeln sich nicht zuletzt spontane zwischenmenschliche Beziehungen. Der Spruch "Den kann ich nicht riechen" hat einen sehr realen Hintergrund. So werden Antipathien begründet, noch bevor das erste Wort gesprochen ist. Der Geruchssinn wird damit zu einem wesentlichen Steuerungssystem des sozialen Umgangs.

In vielen Redewendungen kommt die elementare Bedeutung des Geruchssinnes zum Ausdruck:

Weil es wichtig ist, möglichst schnell zu erfahren, ob die Luft rein ist, ob etwas in der Luft liegt oder gar zum Himmel stinkt, muß man wissen, woher der Wind weht und dabei den richtigen Riecher haben. Und man sollte sich erst einmal beschnuppern oder in eine Sache hineinriechen, um rechtzeitig Unrat zu wittern . . . Diese Redensarten zeigen: Man kann mit der Nase feinste Nuancen erahnen, gewissermaßen vorfühlen, was die unmittelbare Zukunft bringt.

Nasen - Trainning

Eine einfache Entspannungsübung und nebenbei ein hervorragendes Trainning für den Geruchssinn: Halten Sie im Alltag gelegentlich einmal inne, um bewußt zu riechen. Öffnen Sie das Fenster, schließen Sie die Augen! Wie riecht der Park zu verschiedenen Tageszeiten, bei Sonne, bei Regen? Prägen Sie sich den Geruch von Leder ein, von Holz, Erde, Früchten, Blüten. Denken Sie überhaupt öfter mal an Ihre Nase! Ist Ihnen zum Beispiel schon einmal aufgefallen, daß es in verschiedenen Geschäften ganz unterschiedlich riecht - nicht nur beim Bäcker und beim Metzger, sondern auch im Schuhgeschäft oder im Buchladen...? Auch in der Weltliteratur wird der Geruchssinn überraschend haufig gewürdigt. Baudelaire verleiht ihm eine überwältigende Macht, die Vergangenheit heraufzubeschwören.

Bei Balzac ist es die blumige Zartheit, die dem natürlichen Körpergeruch der Frau seine verführerische Ausstrahlung

verleiht, und bei Zola regen Wohlgerüche des weiblichen Geschlechtes die Imagination nach Belieben an, enthüllen Zuneigungen, lassen das Blut in Wallung geraten.

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Schon am Anfang des Lebens spielt der Geruchssinn eine ganz zentrale Rolle. Im Babyalter ist er stärker ausgebildet als der Licht- oder Gehörsinn und bestimmt in erster Linie dasVerhaltnis zur Bezugsperson. Mit zunehmendem Alter trittdie Geruchswahrnehmung dann immer mehr in den Hinter-grund, denn zum einen nimmt die Geruchsempfindlichkeit ab,vor allem aber kommt es zu einer Verdrängung durch die Ver-nunft-Sinne Sehen und Hören.Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Geruchssinn beim Erwachsenen besonders intensive Kindheitserinnerungen wachruft.

Wer kennt nicht solche merkwürdigen Phänomene: man läuft eine x-beliebige Treppe in einem Altbau hinauf, und ganz unvermittelt taucht der Schulraum der ersten Klasse vor dem inneren Auge auf, plotzlich sind Schulbänke und Schiefertafel wieder gegenwärtig - und nur, wer's weiß, erkennt: es war nichts weiter als der Geruch von Bohnerwachs auf dieser Treppe. Oder die Weihnachtszeit: Der Duft von Pfefferkuchen und Tannengrün wärmt die Seele durch die Erinnerung an glüickliche Kindheitstage, und schon der Geruch einer einzigen ausgeblasenen Kerze vermag mehr auszulösen als ein ganzes Fotoalbum voller Bilder. Der Geruchssinn ist der Sinn der zärtlichen Erinnerung, wie schon um 1Bl9 im Dictionnaire des Sciences Medicales zu lesen war. Aber auch im Hier und Jetzt beeinflußt der Geruch den Menschen entscheidend in seinem Verhalten. Gute Düfte wecken angenehme Empfindungen, sie regen an, signalisieren Verlockendes, bringen auf andere Gedanken, verändern die Gestimmtheit.

Ein wohlvertrauter Duft von Röststoffen?

Plotzlich muß ein Brathähnchen her, das Wasser läuft schon im Munde zusammen (ein ganz automatischer, nicht zu unterdrückender Reflex)! Ein Schaumbad mit Blumenduft? Die Stimmung wird beschwingt wie bei einem Frühlingsspaziergang. Aber Gerüche sind auch unerbittlich: Anderen Sinneseindrücken kann man sich entziehen - die Augen schließen, die Ohren zuhalten, Berührungen ausweichen -, aber man kann nicht aufhören zu atmen und somit zu riechen. Das Augenwesen Mensch lebt auch in einer Riechwelt - nur weiß es das meistens nicht. Der Geruchssinn ist der chemische Fernsinn. Mit der eingeatmeten Luft werden Geruchsstofmoleküle an die Sinneszellen herangetragen - im Gegensatz zum Geschmackssinn, dem chemischen Nahsinn, der durch direkten Kontakt der Zunge mit der Nahrung deren chemische Eigenschaften erkennt. Es ist etwas ober flachlich zu behaupten, der Mensch rieche mit der Nase.

Dieses prägende Element im Gesicht des Menschen in all seiner Vielgestaltigkeit ist nur das Eingangstor zum eigentlichen Ort der Duftwahrnehmung, der Riechschleimhaut. Die Riechstoffe sind auch beim Ausatmen wahrzunehmen, weil sie mit dem Luftstrom von der Rachenhöhle aus in die Nase eindringen, und nicht zuletzt beim Schlucken, wenn der Nasen- Rachen-Verschluß geöffnet wird. Auf diese Weise wird vieles, was man zu schmecken glaubt, in Wirklichkeit gerochen. Tätsächlich wird der Geruchssinn haufig in seiner Bedeutung unterschätzt, weil man einen erheblichen Teil seiner großartigen Fähigkeiten fälschlich dem Geschmackssinn zuordnet, der in Wahrheit nur die Qualitaten süß, sauer, bitter und salzig unterscheiden kann. Alle weiteren Geschmacksnuancen werden über den Geruchssinn wahrgenommen.

Die Zahl der vom Menschen unterscheidbaren chemisch reinen Geruchsstofe

- z.B. Aceton (Lösungsmittel), Benzaldehyd (Bittermandelaroma), Buttersäure (ranzige Butter, Schweiß) oder Schwefelwasserstoff (faule Eier) - laßt sich nur grob schätzen und dürfte bei etwa 2 000 bis 4 000 liegen. Berücksichtigt man allerdings auch die Zahl der unterscheidbaren Geruchsintensitäten und gar der Düfte, die sich aus verschiedenen Geruchsstoffen zusammensetzen, so kommt man auf Millionen von möglichen Geruchsempfindungen. Sind doch die zahllosen Gewürzdüfte und Aromen, die das Schnuppern erst zum Vergnügen machen, komplexe Gebilde aus zahllosen chemischen Verbindungen. Zusätzlich erschwert wird die Geruchswahrnehmung durch die Tätsache, daß die Riechzellen sich sehr schnell an einen Geruch gewöhnen. Jeder hat schon einmal den Aufschrei eines Eintretenden gehört.

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"Was ist das hier für eine schreckliche Luft!", und die Fenster werden aufgerissen - dabei hatte man sich in dem Raum ganz prächtig gefühlt. Außerdem wird die Fähigkeit zum Erkennen von Gerüchen in besonderem Maße von der Erfahrung bestimmt. Kaum größer als ein Zehnpfennigstück, liegt sie geschützt im obersten Teil der Nase, weit von den Nasenlöchern entfernt, so daß sie nicht dem unmittelbaren Atemluftstrom ausgesetztist. Die Duftstoffmoleküle reizen die Sinneszellen, die in der Riechschleimhaut versammelt sind, und der Reiz wird über den Riechnerv zur Weiterverarbeitung - d.h. zum eigentlichen Erkennen der Geruchsqualitäten - ins Gehirn weitergeleitet. Beim normalen Einatmen gelangen die Riechstoffe zunächst in die beiden Nasenmuscheln und werden dann mit der Atemluft in die Lunge gezogen. Die Duftwahrnehmung ist dabei sehr unvollkommen, nur intensive Gerüche erreichen die Riechschleimhaut und lösen eine Empfindung aus.

Sollen feine und feinste Duftstoffe deutlich wahrgenommen werden, müssen sie in der Nase gezielt an die richtige Stelle

transportiert werden. Man erzeugt deshalb durch Schnüffeln Luftwirbel, die die Duftstoffe an die Riechschleimhaut führen. Eine optimale Riechempfindung wird dann erreicht, wenn man mit dern Zwerchfell kurze, kleine Atembewegungen erzeugt, ähnlich wie ein schnüffelnder Hund. Dem allerdings ist der Mensch, was die Geruchsleistungen betrifft, um Längen unterlegen. Das Riechorgan des Menschen verfügt über etwa fUnf Millionen Sinneszellen, während ein mittelgroßer Hund weit über 200 Millionen besitzt.

Wenn eine Hundenase zum Riechen eines Stoffes 9 000 Duftmoleküle benötigt, so sind es beim Menschen sieben Milliarden Moleküle, also fast die 800 000fache Menge. Die feinen Aromastoffe von bestimmten Rauschgiften zum Beispiel kann der Mensch nicht wahrnehmen, für Hunde hingegen ist es kein Problem, die Drogen in Verstecken aufzustöbern, und noch dazu ein tierisches Vergnügen. So ist der Berufsstand der Polizeihunde auf Dauer gesichert, und der Mensch muß sich auf anderen Gebieten als Schnüffler betätieen.

Düfte im Wein

Wenn Sie noch wenig Erfahrung mit dem Wein-Schnuppern haben, darf es für den Anfang etwas Kräftiges sein: Besorgen Sie sich eine Auswahl von Bukettsorten - das sind Rebsorten mit besonders intensivem Duft, z.B. Gewürztraminer, Morio-Muscat oder Muskateller. Man braucht nicht unbedingt wie ein Weinprofi zu schnüffeln, um das Bukett des Weines zu erkennen. Das stoßartige Einatmen durch die Nase ist für den Anfänger oft so anstrengend, daß er sich darüber nicht mehr auf die Düfte konzentrieren kann. Auch langsames, sanftes Einatmen offenbart schon viele Nuancen. Jeder wird seine eigenen Erfahrungen machen, wie er den Wein am besten riechen kann. Es überrascht daher nicht, daß die Duftwelt von Mensch zu Mensch sehr verschieden aussieht. Was der eine kaum wahrnimmt, ist für den anderen schon ein aufdringlicher Geruch: Die Wahrnehmungsgrenze für Düfte, die Riechschwelle, liegt für verschiedene Stoffe bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich hoch.

Allgemein läßt sich nur sagen, daß mit zunehmendem Alter eine Schwellenerhöhung eintritt, der Geruchssinn also

unempfindlicher wird. Übrigens, bei Schnupfen oder Schleimhautentzündung sind die Duftstoffe kaum noch wahrzunehmen, und dies gilt insbesondere für die feinen Duftstoffe des Weines. Jeder hat schon einmal die deprimierende Erfahrung gemacht, daß bei verstopfter Nase das Essen nach nichts mehr schmeckt. Andererseits bietet sich dabei eine seltene Gelegenheit, direkt zu erleben, wie viel oder wenig die Zunge zum Geschmackserlebnis beiträgt.