Die Weinrebe

Die Weinrebe

Gesunde, reife Weintrauben, die Früchte der Weinpflanze, sind das Ausgangsprodukt für die Entstehung von Wein. Daran können auch die ausgeklügeltsten Weinbaumethoden und die modernste Kellertechnik nichts ändern. Im Gegenteil - die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Weinbau dienen letztlich allein dem Zweck, möglichst gesundes und voll ausgereiftes Traubenmaterial zu produzieren, und die moderne Kellertechnik strebt nach einer optimalen, möglichst unverfälschten Transportation aller Vorzüge der jeweiligen Rebsorte in den Wein. So steht auch heute noch trotz oder villeicht auch eben auf Grund der wissenschaftlich-technischen Fortschritte des Weinbaus, die Pflanze und ihre Frucht im Mittelpunkt aller Bemühungen.

Alle Reben gehören zu einer bestimmten der 14 Gattungen der Pflanzenfamilie der Viticeae, und zwar zur Gattung

Vitis, die 1700 von dem französischen Botaniker Tournefort erstmals beschrieben worden ist. Viticeae ist eine sehr grosse Familie, sie umfasst rund 700 Spezies, also verschiedene Pflanzenarten. Allein zur Gattung Vitis zählen bereits 60 verschiedene Spezies Ihnen allen ist gemeinsam, dass es sich um recht schnellwüchsige Kletterpflanzen ohne eigenen eigentlichen Stamm handelt, die sich von anderen Kletterpflanzen dadurch unterscheiden, dass ihre Ranken, die "Kletterorgane", niemals an den Blättern, sondern immer an den Sprossen sitzen. Die meisten dieser Arten sind in den gemäßigten Zonen Nordamerikas und Asiens beheimatet, nur wenige haben sich in kühlere Regionen und in die Tropen vorgewagt.

Für den Weinbau ist vor allem Vitis Vinifera (die "Weinbringende") von Bedeutung, die 1735 von dem großen schwedischen Naturforscher Linne erstmals beschrieben und klassifiziert worden ist. Ihre Urform Vitis Vinifera Silvestris enstammt dem kaukasischen Raum, ist in den alten Hochkulturen des Orients und östlichen Mittelmeerraumes in großem Stil domestiziert worden und ist von dort zunächst durch die Phönizier, dann durch die Griechen nach Westeuropa gebracht und schließlich von den Römern in ganz Europa verbreitet worden, soweit die klimatischen Bedingungen dies zuließen.

Durch die Domestikation hat die Weinrebe einige physiognomische Veränderungen erfahren, die - und das ist typisch

für alle domestizierten Tiere und Pflanzen - selbst beim erneuten Verwildern nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Diese betreffen vor allem die Form der Traubenkerne und ihren Anteil am Gesamtgewicht der Trauben.

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Die Kerne unterlagen in der Domestikation - ein Prozess, der in der Form von Rebenzüchtigung und Klonenselektion bis heute andauert - einem ständigen starken Druck, da sie sowohl bei Tafeltrauben als auch bei für die Weinbereitung vorgesehenen Trauben auf Grund ihres bitteren Geschmacks als unerwünscht galten. So liegt der Anteil des Kernmaterials bei Vinifera mit maximal 10 Prozent des Beerengewichts weit unter dem Anteil der Wildform. Die Beeren anderer Vitis-Arten wie Berlandieri können hingegen mit bis zu 80 Gewichtsprozenten aus Kernen bestehen.

So sind durch Züchtigung, Selektion, Mutation und die natürliche Anpassung der Reben an

ihre spezielle Umwelt im Laufe von Jahrtausenden rund 10.000 verschiedene stabile Ausformungen von Vitis Vinifera entstanden, die Rebsorten. Sie alle gehören einer Spezies an, sind also auch frei miteinander kreuzbar, wobei immer fortpflanzungsfähige Nachkommen entstehen. Jede einzelne Rebsorte bringt Weintrauben hervor, die in ihrer Farbe, Größe, Zusammensetzung und in ihrem Geschmack einzigartig und für die jeweilige Sorte typisch sind. Natürlich sind nicht alle diese unzähligen Rebsorten auch für die Weinerzeugung von Bedeutung.

Viele tragen große, fleischige oder auch kleine, kernlose Tafeltrauben für den direkten Verzehr - schließlich ist die Weinbeere ein sehr schmackhaftes, vitaminreiches und überaus gesundes Obst. Für die Produktion von Tafeltrauben werden vor allem früh reifende und reich tragende Sorten bevorzugt, vor allem Cardinal, Gros Vert, Ruby Seedless und Thompson Seedles (Sultana), aber es gibt auch Überschneidungen: Chasselas, in Baden als Gutedel bekannt, ist ebenso eine vorzügliche Tafel- wie Keltertraube, ebenso Muscat of Alexandria, aus der viele der süßen Moscatelweine von der spanischen Mittelmeerküste bereitet werden. Die meisten Weinbauländer verfügen über beträchtliche Flächen für die Tafeltraubenproduktion, oftmals in den Randbereichen der Weinbaugebiete.

Weltweit werden jährlich ca. 10 Millionen Tonnen Tafeltrauben geerntet.

Thompson Seedless, Zante Currant und Muscat of Alexandria liefern zudem große Mengen Trauben, die eingetrocknet und als Rosinen vermarktet werden. Die Rosinenproduktion beläuft sich immerhin auf eine Million Tonnen jährlich, und in Kalifornien ist ihre wirtschaftliche Bedeutung genauso groß wie die des Weinbaus. Für den Weinbau zumindest lokal von wirtschaftlicher Bedeutung sind immerhin mehrere hundert Sorten. Allein Frankreich verfügt über weit mehr als 200 Rebsorten, die in unterschiedlichem Umfang in die Weinerzeugung einfließen, darunter die "Weltstars" Cabernet Sauvignon, Merlot, Chardonnay und Sauvignon Blanc.

Auch Italien, Spanien und Portugal verfügen über ein reichhaltiges Potenzial an einheimischen Traubensorten für die Weinerzeugung, während die für die Weinerzeugung wirtschaftlich wichtigen Rebsorten der Neuen Welt allesamt auf die klassischen europäischen Traubensorten zurückgeführt werden können. Die Bezeichnung der Rebsorten richtet sich meist nach der Traubenfarbe, beispielsweise Blauer Spätburgunder, Grauer Burgunder, Weißer Burgunder, Grüner Silvaner im Deutschen bzw. Pinot Noir, Sauvignon Blanc oder sogar noch ausführlicher beim Gamay Noir a Jus Blanc, dem blauen Gamay mit weißem Fruchtfleisch. Aber auch die Form oder die Größe der Beeren kann daneben als Unterscheidungsmerkmal dienen wie beim Muscat Blanc a Petits Grains, dem kleinbeerigen weißen Muskateller.

Die größte Zäsur in der Geschichte von Vitis Vinifera war sicherlich die große Reblauskatastrophe aus der zweiten

Hälfte des 19. Jahrhunderts, als das unscheinbare Insekt- eingeschleppt in den Wurzelballen amerikanischer Rebpflanzen - innerhalb weniger Jahrzehnte den europäischen Weinbau buchstäblich bei den Wurzeln packte und die Weinberge verwüstet und öd hinterließ. Die Reblaus ernährt sich saugend von den Wurzelsäften der Rebpflanze, doch anders als die nordamerikanischen Reben besitzt Vitis Vinifera keinen Mechanismus, der die Bissstellen gleichsam "vernarben" lässt, sodass der gesamte Wurzelballen nach einiger Zeit von offenen Bisswunden übersät ist und schließlich seiner biologischen Funktion verlustig geht.

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Die Pflanze ist nun zum Absterben verurteilt. Viele einstmals blühende Weinbaugebiete konnten sich von diesem Schlag nie wieder erholen. Wenig später fiel die Reblaus auch über die Anpflanzungen von Vitis Vinifera in der Neuen Welt her und vernichtete den Weinbau auch hier nahezu vollständig. Das war das Ende von Vitis Vinifera in ihrer ursprünglichen Form. Zur Abwehr der Reblaus wurden zunächst verschiedene Strategien verfolgt: Da die Reblaus aus Nordamerika kam, es dort aber eine große Zahl von Vitis-Arten gibt, die auch Weintrauben hervorbringen, schloss man schnell sehr richtig, dass diese gegen die Verletzungen der Reblaus resistent sein müssten.

In gewissem Umfang pflanzte man nun diese "Amerikanerreben" an, vornehmlich Sorten der

Spezies Vitis Labrusca. Doch besitzt der Wein dieser Reben einen eigentümlichen, als unangenehm empfundenen und gemeinhin als "Fuchston" beschriebenen Beigeschmack, der weder mit dem europäischen Geschmacksempfinden noch mit der europäischen Vorstellung von Qualitätswein vereinbar war. Der nächste Versuch war die großflächige Anpflanzung von Kreuzungen aus amerikanischen und europäischen Reben, den Hybridreben. Zentrum dieser Maßnahme waren die riesigen Rebflächen des südfranzösischen Midi, wo auch heute noch viele Hybridreben im Anbau stehen und große Mengen Tafelwein hervorbringen. Doch die Qualität der Weine von Hybridreben konnte ebenfalls nicht überzeugen.

Die Rettung bestand schließlich in der Technik des Pfropfens, bei der mittels einer bestimmten Schnitttechnik Wurzelstock und Ertragsteil der Reben so getrennt werden, dass anschließend der Wurzelstock einer Amerikanerrebe und der Ertragsteil einer europäischen Edelrebe genau zusammengefügt werden können. An der Schnittstelle wachsen die beiden Teile zusammen, und eine neue Pflanze entsteht. Diese ist nun in ihren Wurzeln gegen die in der Erde lebende saugende Form, im oberen Teil gegen das Blattgallen bildende Stadium der Reblaus resistent.

Das bedeutet allerdings, dass wir, wenn wir "Chardonnay" sagen, stets nur den oberen, Laub und Früchte tragenden

Teil einer Rebe meinen. Die moderne Rebe, so wie sie im Weinberg steht, besteht also immer aus zwei verschiedenen Spezies der Gattung Vitis. Dabei fristet die Unterlagsrebe im Bewusstsein der Öffentlichkeit ein Schattendasein, und das eigentlich völlig zu Unrecht. Sie ist es schließlich, die dem oberen Teil der Pflanze Halt gibt, ihn im Boden verankert und mit Nährstoffen und Wasser versorgt - und ihm Schutz gegen die immer noch allgegenwärtige Reblaus bietet.

Bei der Neuanlage oder Wiederbestockung von Weinbergen ist die Frage nach der richtigen Unterlagsrebe für den Winzer denn auch genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als die Frage nach der Ertragsrebsorte. Wie lebenswichtig dies werden kann, zeigte sich in jüngster Zeit durch den für Reblaus und ihren Angriff auf Wurzelstöcke, die von Hybridreben stammen und somit nur einen eingeschränkten Schutz gegen das Insekt bieten.

In Kalifornien sind dadurch im letzten Jahrzehnt umfangreiche Neupflanzungen nötig geworden, und auch in Europa ist

die Reblaus immer noch der größte - Feind des Weinbaus. Immer wieder wird von Traditionalisten behauptet, die Reblauskatastrophe habe auch der Weinqualität insgesamt einen irreparablen Schaden zugefügt, mit anderen Worten: Wein sei nie wieder von so guter Qualität gewesen wie vor dem Auftreten der Reblaus.

Doch diese Frage ist eher theoretischer Natur, da sie gleich aus mehreren Gründen nicht beantwortet werden kann. Erstens gibt es kaum noch wurzelechte Reben im kommerziellen Weinbau. Einige Güter an der Mosel pflegen noch winzige Restbestände, an der spanischen Levante im Gebiet um Alicante und westlich von Lissabon gibt es Gegenden mit sandigen Böden, die die Reblaus meidet, denn in Sand kann sie nicht gut überleben.

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Schließlich ist Chile das einzige Land, dessen abgelegene Anbaugebiete von der Reblaus

bisher verschont wurden. Nun ist aber nicht erkennbar, dass chilenischer Wein, Wein aus Bucelas oder Alicante oder der Wein einiger Moselgüter von ungepfropften Reben grundsätzlich, also ungeachtet aller anderen die Weinqualität beeinflussenden Faktoren, besser sei als Wein von Pfropfreben.

Noch weniger kann geklärt werden, ob und inwieweit qualitative Unterschiede beispielsweise eines 1860er, wurzelechten Château Latour und seinem jüngeren, gepfropften Bruder aus dem Jahrgang 1990 bestehen, denn um diese Frage zu prüfen, müsste man den älteren Wein im selben Stadium seines Lebenslaufes verkosten wie den jüngeren - ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man dann noch bedenkt, wie groß die Jahrgangsschwankungen allein bei aufeinander folgenden Jahrgängen sein können, z.B. zwischen dem 1990er und dem 1991er Bordeaux, dann rückt die Frage nach der besseren Qualität wurzelechter Weine noch weiter ins Reich der Spekulation.

Eine wichtige Methode zur Steigerung der Weinqualität ist die Klonenselektion. Dabei werden von einer als besonders gesund, ertragssicher und reifezuverlässig anerkannten Mutterrebe Klone in Form von Stecklingen gewonnen, die entweder bewurzelt - bei Unterlagsreben - oder - bei Edelreben - als Edelreiser auf Unterlagsreben aufgepfropft werden. Dies bietet den Vorteil, dass für Neupflanzungen stets hervorragendes, durch die Mutterrebe bereits auf beste Qualität geprüf-tes Pflanzenmaterial zur Verfügung steht, da die Klone schließlich mit der Mutterrebe genetisch identisch sind.

Ein Nachteil dieser Methode besteht allerdings darin, dass durch nicht erkannte Virusinfektionen der Mutterrebe diese

Krankheiten großflächig verbreitet und dann wiederum neue groß angelegte Bestockungsmaßnahmen nötig werden können. Eine weitere, in den 1980erund 1990er-Jahren oft beschworene Gefahr besteht in der Nivellierung der Weinstile, die insbesondere durch den Exportboom mancher Klone vor allem des Cabernet Sauvignon und des Chardonnay in die Neue Welt bestanden haben mag.

Doch bauen heute weltweit alle Erzeuger in ihren Weinbergen verschiedene Klone einer Rebsorte an, allein schon, um die Gefahr der Viruserkrankungen zu begrenzen -,sodass die mangelnde Individualität der Weine aus den internationalen Rebsorten heute eigentlich kein Thema mehr ist.

Schließlich deuten - genau wie bei der Frage nach der Qualität der Prä-Phylloxera-Weine - im Gegenteil die großen

Fortschritte der letzten Jahrzehnte im Weinberg und in der Kellertechnik, das bessere Verständnis sowohl der Bedürfnisse der Pflanzen als auch der Prozesse, die von der Weintraube zur fertig verkorkten Flasche führen, in eine ganz andere Richtung. Heute weisen die speziellen Qualitäten jedes einzelnen Weines - ob seine Frische, Stabilität, Fruchtigkeit, Langlebigkeit oder seine Fähigkeit, die Eigenarten seiner Rebsorte und seiner Herkunft zum Ausdruck zu bringen - mit aller Macht darauf hin, dass Wein insgesamt, ob Alltagswein oder Spitzengewächs, noch nie so gut und vielfältig war wie heute.